Fliegen gegen die Wirtschaftskrise – eine Teltower Erfolgsgeschichte

Jürgen Stange im Interview mit ALBERT KREUZ

Jürgen Stange im Interview
Jürgen Stange im Interview

Teltow ist seit der Wiedervereinigung zu einem der beliebtesten Wohn- und Wirtschaftsstandorte im Berliner Umland geworden. Die Altstadt steht zudem seit 1997 komplett unter Denkmalschutz. Rund um Teltow haben sich vor allem Technologieunternehmen angesiedelt. Seit 1993 gehört nun auch der Schleifenfabrikant Stange dazu und macht die Teltower Geschäftswelt mit seinen Fliegen bunter.

ALBERT KREUZ: Herr Stange, Fliegen liegen Ihnen im Blut. Bereits Ihr Vater hat sich auf das Geschäft mit dem edlen Halsgebinde verstanden.
J. Stange: Ja, das Geschäft mit den Schleifen hat bei uns Tradition. Mein Vater begründete 1934 – damals in Berlin Mitte – das Familienunternehmen. Zwei Jahre nach dem Krieg nahm er den Betrieb mit den Fliegen in Berlin-Wilmersdorf wieder auf. Nachdem der Absatz bei Krawatten und Fliegen stark zurückging, musste mein Vater leider die Manufaktur schließen. 1972 gründete ich sie erneut, dieses Mal in Berlin-Zehlendorf. Nach der Wende suchten wir ein geeignetes Grundstück, um uns zu vergrößern, das wir dann 1993 in Teltow fanden.

5.000 Designs hat der deutsche Fliegenhersteller auf Lager
5.000 Designs hat der deutsche Fliegenhersteller auf Lager

ALBERT KREUZ: Warum halten Sie am Produktionsstandort Deutschland fest?
J. STANGE: Die Fliege ist ein sehr individuelles Produkt. Es wird kurzfristig und in kleinen Mengen eingekauft. Krawatten hingegen werden in hohen Stückzahlen produziert und abgenommen. Bei diesen Mengen lohnt sich eine Produktion im Ausland. Fliegen hingegen sind ein Nischenprodukt und werden mit geringen Stückzahlen gehandelt. Nur weil wir als Manufaktur klein und beweglich geblieben sind, konnten wir das Nischenprodukt Fliege halten und sind als einer von ganz wenigen Herstellern noch auf dem deutschen Markt zu finden.

ALBERT KREUZ: Hat die Wirtschaftskrise auch die Fliege fest im Griff?
J. STANGE: Die Konkurrenz im Krawattensegment ist härter geworden. Der Käufer erhält bereits für 9.00 Euro eine Seidenkrawatte, wenn auch aus chinesischer Produktion. Steht das richtige Label auf dem Etikette, muss er für ein ähnliches Modell bis zu 79,00 Euro hinblättern. Die Krawatte verkauft sich nur noch über den Preis. Die Fliege hingegen zeigt Individualität, mit ihr hebe ich mich von Schlipsträgern ab. Dafür legen stilbewusste junge Männer gerne ein paar Euro mehr hin. Bei den New Yorker Brokern hat der Mode-Trend begonnen, sie trotzen mit bunten Schleifen der Wirtschaftskrise. Nun kommen die jungen Leute auf uns zu und wollen nicht Fliegen von der Stange sondern Fliegen von Stange Berlin. Das freut uns natürlich. Gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten entstehen die besten Trends. Von der derzeitigen Krise profitiert mein Geschäft.

Nur eine halbe Stunde liegt zwischen der Stoffrolle und der fertigen Schleife
Nur eine halbe Stunde liegt zwischen der Stoffrolle und der fertigen Schleife

In der Manufaktur von Jürgen Stange liegen unzählige Rollen Stoff zur Verarbeitung bereit. 5.000 Designs hat der deutsche Fliegenhersteller auf Lager, 15.000 weitere könnte er aufgrund seiner Stoffkapazität innerhalb kürzester Zeit produzieren. Sein Fabrikverkauf vor Ort boomt. An den Zehn Euro Ersparnis kann es nicht liegen. Eher am Eigentümer, der auch bei neuen Kunden gerne mal selber Hand anlegt und ihnen das Schleifenbinden beibringt. So nehmen einige Stammkunden lange Wege in Kauf, um an ihre geliebten Teltower Fliegen zu kommen. Und fahren meist mit mehr Schleifenkreationen wieder heim als sie eigentlich erstehen wollten.

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