Wie viel Etikette muss sein?

Alexander Plath, Business-Knigge-Trainer, im Interview
Alexander Plath, Business-Knigge-Trainer, im Interview

Knigge, Stil, Etikette, Umgangsformen… Es gibt viele Worte für den gepflegten Umgang miteinander. Wie viel Etikette muss aber nun sein? Was ist erlaubt, was geregelt, wer legt denn überhaupt die Etikette fest? Alles Fragen, die ALBERT KREUZ gerne von jemand beantwortet wissen möchte, der sich damit auskennt und auch noch Geld damit verdient. Alexander Plath ist AUI zertifizierter Business-Knigge Trainer und beschäftigt sich in seinem eigenen Blog mit Knigge & Co. Heute steht er ALBERT KREUZ Rede und Antwort.

ALBERT KREUZ: Ihr Internetauftritt heißt “Erster Eindruck”. Wie ausschlaggebend ist der erste Eindruck, den wir bei unserem Gegenüber hinterlassen? Ist er ausschlaggebend für unseren Erfolg im Leben?

A. Plath: Ich habe mich bewusst auf das Thema „Erster Eindruck“ spezialisiert, weil ich glaube, dass dieser erste Eindruck in der Tat eine entscheidende Rolle in unserem zwischenmenschlichen Miteinander spielt und gleichzeitig von vielen Menschen falsch verstanden wird.
Der erste Eindruck ist ein Relikt aus grauer Vorzeit und auch wenn wir uns dies oft nicht gerne eingestehen, so ist unsere „Software“ noch in vielen Fällen auf einem Stand von vor mehreren tausend Jahren. In der freien Wildbahn war es überlebenswichtig innerhalb von Sekunden reagieren zu können und diese Fähigkeit zum Treffen schneller emotionaler Entscheidungen haben wir auch noch heute.
Sie beeinflusst insbesondere, was wir von einem Menschen halten, wenn wir ihm zum ersten Mal begegnen, und das innerhalb der ersten 0,3 bis 7 Sekunden. Studien haben belegt, dass ein in dieser Zeit entstandener erster Eindruck auch später nur sehr schwer korrigierbar ist.
Dies bedeutet, dass wir nur dann unsere inneren Werte zeigen können, wenn der erste Eindruck Lust macht, sie kennen zu lernen. Viel von diesem ersten Eindruck hat mit Umgangsformen und Business-Knigge zu tun.

ALBERT KREUZ: Der Arbeitskreis Umgangsformen International legt derzeit die Regeln für Umgangsformen und Business-Knigge fest. Was kommt der Arbeitskreis dazu? Sitzen die Mitglieder dabei am runden Tisch und überlegen sich, welche Umgangsformen es dieses Jahr geben könnte/ sollte?

A. Plath: Der Ausdruck „Regeln“ in Verbindung mit Umgangsformen ist ein Widerspruch in sich. Die Basis der Umgangsformen ist der gegenseitige zwischenmenschliche Respekt und wer könnte da einem anderen Menschen „Regeln“ auferlegen. Deshalb spricht der Arbeitskreis Umgangsformen International auch konsequent von „Empfehlungen“. Seit 1989 beschäftigen sich im Arbeitskreis Umgangsformen International – der bereits 1956 auch als Fachausschuss für Umgangsformen gegründet wurde – 21 Expertinnen und Experten aus Deutschland, dem europäischen Ausland und den USA mit Fragen guter Umgangsformen.
In der Tat treffen sich die Mitglieder mehrfach im Jahr quasi am runden Tisch und besprechen, welche Empfehlungs-Änderungen bei den Umgangsformen sinnvoll sind, auch damit diese Empfehlungen nicht antiquiert und belehrend sind, sondern für ein besseres, respektvolleres Miteinander stehen.

ALBERT KREUZ: Was befähigt den Arbeitskreis, Umgangsformen als Normgrößen festzulegen? Welche Mitglieder hat der Arbeitskreis? Von wem wurde er ausgewählt und Leben gerufen?

A. Plath: Die ehrenamtlichen Mitglieder des Arbeitskreises Umgangsformen International  stammen aus den unterschiedlichsten Berufen, die sich viel mit Umgangsformen beschäftigen, unter anderem sind darunter ehemalige Protokollchefs und Experten aus den Bereichen Gastronomie, Tanzschule, Politik und Wirtschaft. Ins Leben gerufen wurde der Arbeitskreis 1956 von Tino Schneider, Tanzlehrer ADTV, und Hans-Georg Schnitzer, Journalist.
Im Laufe der Zeit hat sich der Arbeitskreis zum maßgeblichen Gremium für die Empfehlungen zu Umgangsformen, Business und Business-Knigge im deutschsprachigen Raum (und auch darüber hinaus) entwickelt. Seine Empfehlungen werden einhellig als „Maß der Dinge“ in diesem Bereich akzeptiert und umgesetzt. Um ein einheitliches Qualitätssiegel auch für Trainings zu Etikette und Business-Knigge zu gewährleisten, bildet der Arbeitskreis Umgangsformen International in einer mehrtägigen Ausbildung AUI-zertifizierte Business-Knigge-Trainer aus.

ALBERT KREUZ: Auch wenn der AUI immer wieder die Umgangsformen überdenkt und wenn nötig aktualisiert, wirken doch in unseren Augen viele Knigge-Empfehlungen antiquiert und belehrend. Brauchen wir diese Etikette-Regeln heute noch? Sind wir nicht aus uns selber heraus fähig, uns stilvoll zu verhalten?

A. Plath: Niemand spricht uns die Fähigkeit ab, uns anderen Menschen gegenüber stilvoll und respektvoll zu verhalten. Der Arbeitskreis Umgangsformen International möchte mit seinen Empfehlungen dies zusätzlich unterstützen und eine Orientierung geben.

ALBERT KREUZ: Sie kommen als Trainer und Business-Coach vor allem mit Geschäftsleuten in Kontakt. Haben Sie das Gefühl, dass ihnen oftmals die richtigen Umgangsformen, der passende Ton im Umgang mit Kunden und Kollegen fehlen?

A. Plath: In der Tat komme ich nicht umhin, in meinen Begegnungen im Geschäftsleben oftmals die Stirn zu runzeln. Einerseits steht es mir als Business-Knigge-Trainer nicht zu, über das Verhalten anderer Menschen zu urteilen, andererseits stelle ich doch fest, dass gerade in diesen etwas rauher gewordenen Zeiten das verständnisvolle Miteinander und die gegenseitige Wertschätzung gelitten haben.
Ich denke, dass nicht die wirtschaftliche Lage bestimmen sollte, wie wir miteinander umgehen, sondern dass unser respektvoller Umgang miteinander bestimmt, wie die wirtschaftliche Lage wird. Auch wenn die meisten Menschen bei Umgangsformen und Knigge vor allen Dingen daran denken, „wie sie ihr Besteck halten“ oder „wer wen zuerst begrüßt“, so ist der Ursprung des Themas „Knigge“ doch ein viel tiefer gehender.
Bereits in seinem Buch „Über den Umgang mit Menschen“ wollte Adolph Freiherr Knigge vor allen Dingen die grundlegenden Werte des menschlichen Miteinanders ins Zentrum rücken und nicht eine Sammlung von Verhaltensregeln aufstellen.
Dieses Erbe bewahrt der AUI noch heute und gibt darauf basierend seine Empfehlungen heraus. Dem Arbeitskreis geht es somit nicht darum, die Asche zu bewahren, sondern das Feuer am Leben zu erhalten.

ALBERT KREUZ: Ein feuriges Statement zum Abschluss eines neugierigen Blicks hinter die Kulissen des AUI und dem Thema Umgangsformen. Herzlichen Dank, Herr Plath.

Alexander Plath ist Experte für „den ersten Eindruck“ im deutschsprachigen Raum: Rhetorik, Präsentation, Körpersprache, Smalltalk, Etikette & Business-Knigge. Er ist BDVT geprüfter Trainer & Berater und AUI zertifizierter Business-Knigge Trainer.Über 20 Jahre in Verkauf und Vertrieb aktiv, hat er alle Stationen vom Verkäufer bis zum Direktor Vertrieb Ausland und Mediensprecher eines multinationalen Unternehmens durchlaufen.Seit über 10 Jahren trainiert und coacht er Führungskräfte und Verkäufer und ist ein gefragter Trainer und Referent im In- und Ausland, der vor allem mit hoher Praxisnähe, Humor und Begeisterung überzeugt.Alexander Plath ist Managing Partner der Plath & Partner AG und im Aufsichtsrat der Schweizer Tochter eines multinationalen Unternehmens aktiv.

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